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GESTRANDET |
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„gestrandet“ von Joan MacLeod Darmstädter Theaterlabor-Produktion im Mollerhaus: Aus dem Schulhof-Mobbing wächst der alltägliche Sadismus
DARMSTADT. Die Schauspielerin Nadja Soukup hat eine achtjährige Tochter, und seit sie das Stück „Gestrandet“ probte, sah sie das Pausenhoftreiben mit anderen Augen. In Kinderspielen können sich kleine Gemeinheiten verbergen, immer gibt es Kinder, die von anderen ausgegrenzt werden.
Das ist normal, aber manchmal wächst daraus Gewalt: Aus der Perspektive einer scheinbar unbeteiligten Zuschauerin erzählt der Monolog, wie der tägliche Sadismus unter Jugendlichen wächst.
Braidie beobachtet, wie ihre beste Freundin Adrienne die Außenseiterin Sophie quält – erst mit Hänseleien, dann mit immer brutaleren Demütigungen. Sie spürt, dass sie eingreifen müsste, und hält doch den Mund. Immerhin erkennt Braidie ihr Versagen: „Das Schweigen“, sagt sie, „ist ein Geschenk des Bösen.“
Die kanadische Autorin Joan MacLeod schrieb „The Shape of a Girl“ unter dem Eindruck einer Gewalttat. 1997 wurde das Schulmädchen Reena Virk von einer Teenagerbande ermordet. Braidies Monolog verfolgt den Prozess im Fernsehen, und sie entdeckt die Wurzeln der Gewalt in der eigenen Wirklichkeit.
Sie entdeckt die Monster in ihren Mitschülerinnen und auch das Monströse in sich selbst. Wenn ein Text mit so deutlicher Didaktik die gesellschaftliche Analyse sucht, ist das moralisierende Zeigefinger-Theater nicht weit.
Aber Max Augenfelds Inszenierung, die als Produktion des Theaterlabors gestern Premiere im Darmstädter Mollerhaus hatte, meidet klug die szenische Verstärkung des Offenkundigen.
Der Raumentwurf von Eike-Birte Schräder zieht die Spielfläche in den Zuschauerraum hinein, macht für Augenblicke eine Sitzreihe zum Restaurant, in das Braidie von ihrer Mutter geschleift wird, schafft die Voraussetzungen dafür, dass Nadja Soukup dem Publikum mit der Geschichte auf die Pelle rücken kann. Und der Schauspielerin gelingt es, die Facetten dieses Textes zum Vorschein zu bringen.
Sie pendelt zwischen Schauplätzen und Tonfällen, erzählt schon in der Körperhaltung Geschichten von Täter und Opfer, findet in dem Porträt des lässigen Teenagers auch die tiefe Erschütterung, die das Erschrecken über die eigene Gewissenlosigkeit auslöst.
Während der knapp einstündige Monolog die Geschichte Schicht für Schicht entblättert, wird der Zuschauer hineingezogen in diese starke Charakterstudie: eine sehr konzentrierte, durch den vielfachen Wechsel der Stimmungen auch kurzweilige Leistung, die vom jungen Publikum der Premiere sehr gespannt verfolgt wurde.
Johannes Breckner 28.09.2005
Darmstädter Echo
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