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DER KICK
 

Anatomie eines Verbrechens
Premiere: Das Darmstädter Theaterlabor zeigt „Der Kick“: Ein trauriges Exempel des Klimas, in dem rechte Gewalt gedeiht

DARMSTADT. Als Frederik Freber mit der Videokamera nach Potzlow reiste, fand er ein ganz normales Dorf. Kirchturm, Beete, Blumen: Frebers Bilder werden kurz eingespielt in der jüngsten Aufführung des Darmstädter Theaterlabors. „Wir hätten auch Bilder aus dem Odenwald dazunehmen können, und niemand hätte etwas gemerkt“, sagt der Regisseur Max Augenfeld.

Die kurzen Video-Einspielungen sind die einzige Ablenkung, die Augenfeld seiner Inszenierung von „Der Kick“ gönnt. Das Doku-Drama von Andres Veiel und Gesine Schmidt, konstruiert aus Protokollen, Interviews und Zeugenaussagen, rekonstruiert einen Mordfall, der sich vor fünf Jahren in dem uckermärkischen Dorf ereignete. Der sechzehnjährige Marinus Schöberl wurde Opfer dreier rechtsextremer Jugendlicher, die ihn sadistisch quälten und schließlich erschlugen. In Veiels Drama kommen zwei der Täter zu Wort, Eltern, Freunde, Nachbarn, Staatsanwälte, Bürgermeister. Die ausnahmslos authentischen Zitate liefern die Anatomie eines Verbrechens. Sie deuten nicht, sie klagen nicht an, sie entschuldigen nicht, was nicht zu entschuldigen ist. Aber auf sehr subtile Weise wächst aus der Text-Komposition eine Studie des Klimas, in dem Gewalt gedeiht. Wie bei der Berliner Uraufführung sprechen auch beim Theaterlabor zwei Schauspieler alle Rollen. Eric Haug und Nadja Soukup verkörpern im Theater Mollerhaus 18 Figuren, bisweilen überdeutlich markiert im Wechsel von Stimmlage, Haltung, Bewegungsrepertoire.

Die Bühne von Eike-Birte Schräder deutet einen Spielplatz an, was daran erinnert, dass Opfer und Täter die Kindheit ja noch nicht lange hinter sich gelassen haben. Soukup und Haug leisten über 75 Minuten eine konzentrierte Wiedergabe des Textes, die auch den Dialekt der originalen Zeugnisse nicht scheut. Der Ton ist dokumentarisch knapp, und in der Arbeit mit den Schauspielern hat der Regisseur vor allem die Eindringlichkeit des Vortrags im Blick. Das Theaterlabor will ein junges Publikum erreichen; wenn die Potzlower Kumpels ihre dümmlichen Neonazi-Sprüche loslassen, sieht man auf dem Video für kurze Zeit Leichen aus dem nationalsozialistischen Vernichtungslager. Auch dieser plakative Hinweis ist ein Dokument der Absicht, das Publikum moralisch zu erreichen. Das Theaterlabor hat damit Erfolg: Selten wurde von Jugendlichen nach einer Vorstellung so ausdauernd diskutiert wie nach der Premiere am Montagvormittag, und in der Ursachenforschung zeigten die jungen Zuschauer, wie gut Veiels Stück als aussagestarke gesellschaftliche Studie funktioniert.

Termine

Nächste Vorstellungen heute (20.), von 24. bis 27. April, von 7. bis 10. Mai und von 21. bis 23. Mai, jeweils um 11 Uhr im

Darmstädter Theater Mollerhaus. Am 24. April sowie am 9. und 22. Mai zusätzlich um 20.30 Uhr.

Informationen, Materialien zum Stück und Reservierung unter Telefon 06151 6677998.

Johannes Breckner
20.3.2007






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