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DER GOTT DES GEMETZELS

Theaterlabor Darmstadt

Darmstädter Echo, 28.3.2009
Tut nicht so erwachsen
Schauspiel: Die Gruppe Theaterlabor spielt Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ auf der Darmstädter Mollerhaus-Bühne DARMSTADT. Von Stefan Benz

Ferdinand hat Bruno mit dem Stock zwei Zähne gekappt. Kommt vor bei Rotzlümmeln von elf Jahren. Nichts, was sich nicht mit einem guten Zahnarzt, einer Gardinenpredigt und fünf Tagen Fernsehverbot regeln lassen würde. Aber die Eheleute Mouilĺe und Reille wollen vorbildlich sein und den Streit pädagogisch wertvoll schlichten. Was mit dem Vorsatz bürgerlicher Anständigkeit beginnt, eskaliert in einer Wohnzimmerschlacht. Die französische Dramatikerin Yasmina Reza („Kunst“, „Drei Mal Leben“) hat ein feines Gespür dafür, wie man stichelnd eine Beziehung zersetzen kann. Auch „Der Gott des Gemetzels“ ist so ein böser Boulevard.

Dass die Darmstädter freie Gruppe Theaterlabor, die vor allem für Jugendliche spielt, nun dieses Konversationsstück aufgreift, ist überraschend und gewiss auch gewagt. An Jugendliche ab 14 und Erwachsene richtet sich Max Augenfelds Inszenierung, in der es gar nicht um Jugendliche geht – sehr wohl aber um Eltern, die so erwachsen tun und sich doch benehmen, als wären sie im Sandkasten.

Ausstatterin Manuela Pirozzi hat ein quadratisches Podium gebaut, das von drei Seiten vom Publikum umgeben ist. Auf der weißen Spielfläche: vier Sitzquader, Bücherstapel und zwei Paare, die sich auf ihre aufgeklärte Streitkultur viel zugute halten. Und über den Köpfen eine Reihe von Masken, damit auch jeder gleich sieht, wie entlarvend das alles ist. Völkerkunde-Autorin Véronique Houilĺe, die Mutter von Bruno mit der dicken Lippe, hat einen großen pädagogischen Ehrgeiz, dessen Prinzipien sie gerne im Predigtton vertritt. Nadja Soukup flötet erst und schreit dann, lässt aber schon hinter der aufgesetzten Fröhlichkeit stets die Hysterie durchblitzen: eine anstrengende Moralistin, die schlägt, wenn ihr die Worte ausgehen.

Ihr Mann Michel ist ein Choleriker, was Eric Haug als sehr netten Charakterzug zeigt: Der Haushaltswarenhändler lächelt Kritik weg, richtig wütend wird er unter dieser Maske nicht. Ja, man traut ihm nicht mal zu, dass er „Knusperienchen“, den Hamster seiner Tochter, in der Gosse ausgewildert hat. Weil der Ton immer mehr zur Parodie eines Gerichtsdramas drängt, steht Tierquäler Michel bald als „Mörder“ da. Was ist dagegen schon ein kindlicher Stockhieb, lautet das Plädoyer der Verteidigung.

Auf dem Anklagehocker sitzt Vater Alain Reille (Ulrich Sommer), der als Winkeladvokat wirklich Wichtigeres zu tun hat, als über irgendwelche Rangeleien zu richten. Ständig klingelt das Mobiltelefon: Alain muss einen Pharmaskandal vertuschen. Vermögensberaterin Annette (Beate Krist) zermürben die ständigen Geschäftsgespräche derart, dass sie ihrem Mann auf den Mantel und den Houilĺes auf den kostbaren Kokoschka-Kunstband kotzt. Das kommt von Herzen.

Nachdem sie sich zunächst auf betretene Weise geziert und auf verklemmte Art höflich abgetastet haben, bricht in dieser wenig mehr als einstündigen Aufführung die Farce los, wird es nach dem verhaltenen Auftakt turbulent. Reden löst keine Probleme, lernen wir, aber Rum löst die Zungen. Bald wirbeln Tulpen durch die Luft, das Handy landet im Blumenwasser, eine Zigarre plumpst hinterher. Die Herren werden zynisch, die Damen schnippisch. Fliegend wechselt der Frontverlauf, streiten sich die Paare miteinander, dann die Eheleute untereinander, und schließlich verschwistern sich die beschwipsten Damen, und die Herren beschwören Ivanhoe und John Wayne, die Helden ihrer Flegeljahre.

Nach der Premiere am Freitag im Darmstädter Theater Mollerhaus möchte man Michel und Alain raten, eine Männer-WG aufzumachen. Dann könnten sich Annette und Véronique in aller Ruhe über die ideale Erziehung streiten. Für Bruno und Ferdinand wäre das aber wohl doch eine zu grausame Strafe. Wo Yasmina Reza doch zur Entdeckung fürs Jugendtheater werden soll: mit vermeintlichen Autoritäten, die einander demontieren. Auf hohen Niveau infantil sind diese Väter und Mütter. Für erwachsene Zuschauer ist das allemal ein giftiges Vergnügen mit pessimistischer Pointe: Die Großen sind nur deswegen höflich, damit sie sich nicht gleich die Faust auf die Nase setzen wie die lieben Kleinen.


28.3.2009




Presse 2009 | Die stromer - Durch die Augen in die Seele

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